Julian
Hanich


Texte zum Kino

“Wolfzeit” (2003) von Michael Haneke

Man braucht sich nur den Vorspann anzusehen, um zu wissen: Dieser Film ist eine Übung in Askese. In weißer Schrift auf schwarzem Grund ziehen die Namen der Beteiligten vorbei. Keine Musik. Keine Geräusche. Minutenlange Stille. Was dann folgt, ist eine anthropologische Versuchsanordnung von seltener Rigorosität und Düsternis. Man könnte auch sagen: ein Michael-Haneke-Film.

Die Endzeit ist hereingebrochen. Irgendwo muss ein apokalyptisches Unglück stattgefunden haben. Aus welchem Grund? Wir wissen es nicht. Jedenfalls zählt die Zeit nicht mehr. Das Wasser ist knapp. Und in den Dörfern brennen die Tierkadaver. Eine Mutter (Isabelle Huppert) vagabundiert mit ihren beiden Kindern übers kalte Land. Den Vater haben sie verscharrt: kaltblütig erschossen, von einem Unbekannten, gleich am Anfang des Films. Irgendwann gelangen die drei an einen Umladebahnhof, wo sich eine Gruppe von Menschen zusammengerottet hat. Und spätestens hier formuliert der Film seine entscheidende Frage: Was macht der Mensch, wenn er zurückgeworfen wird in einen archaischen Gesellschaftszustand?

Die Antworten, die Haneke darauf gibt, wirken wie en passant erzählt, weil er den Figuren keine simplen Erklärungen in den Mund legt. Der Zuschauer muss deshalb immer auf der Hut sein, sonst entgeht ihm der Kern dieses Films. Die Gruppe im Bahnhof, zu der auch Patrice Chereau und Béatrice Dalle gehören, hat sich in ein Patriarchat gefügt, angeführt von einem Mann mit Waffe. Tauschhandel entsteht. Frauen, die nichts anzubieten haben, zahlen mit ihrem Körper. Ein Pole, des Diebstahls verdächtigt, wird um ein Haar ermordet: Das Fremde wird aussortiert und zum Sündenbock verdammt. Legenden von Märtyrern und Erlöserfiguren, die sich opfern und im Feuer verbrennen, beginnen zu kursieren: religiöse Erzählungen als Keime der Hoffnung. Ganz leise regt sich auch die Sehnsucht nach Kunst, Musik, Unterhaltung…

Nachdem das Hollywood-Kino in den neunziger Jahren die Welt ein paar Mal an den Rand des Abgrunds gebracht hat, probt nun der europäische Film die Apokalypse. Während in Danny Boyles „28 Days Later“ ein Virus die Menschheit dahinrafft, wird bei Michael Haneke die Wasserknappheit zum Ausgangspunkt. Und wo Boyle auf Zombies und Popkultur zurückgreift, bedient sich Haneke bei der Bibel und der anthropologischen Theorie. Beiden gemeinsam ist, dass sie visuelles Kapital aus ihren Endzeitgeschichten schlagen: „28 Days Later“ ist fasziniert von der Vision einer entleerten Welt. „Wolfzeit“ schwelgt in Trübheit und Finsternis.

Man muss Hanekes Gedankenexperiment nicht mögen, aber seine beeindruckenden, düsteren Stimmungsbilder kann man nicht übersehen (Kamera: Jürgen Jürges). Einmal macht sich Isabelle Huppert auf in die stockdunkle Nacht, dabei ist auf der schwarzen Leinwand nur ein winziger Feuerpunkt in der Ferne auszumachen. Ein anderes Mal sieht man einen Heuschober in dunstigen Licht, den impressionistischen Heuhaufen-Studien von Claude Monet vergleichbar. Manchmal wird man an die Kerzenbilder von Georges de La Tours erinnert, manchmal an Whistlers „Nocturnes“. Das ist pure Kameramalerei der Nacht.

Die Schwierigkeiten des Films liegen also woanders: bei den Emotionen und der Empathie. Haneke versagt sich in seinen Filmen die einfachen Mittel der Gefühlsstimulation. Filmmusik gibt es selten, schnelle Schnitte und Kamerabewegungen gibt es nie. Seine Filme funktionieren auch nicht über die enge Anbindung an die Figuren. Statt dessen wird der Zuschauer ganz anderen Emotionalisierungsformen ausgesetzt, die beinahe körperlichen Angriffen gleichen. Dazu gehören die Momente des Ekels in „Die Klavierspielerin“ oder der Gewalthorror in „Funny Games“. In „Wolfzeit“ fehlen diese aufwühlenden Schockelemente, weshalb einen der Film ständig auf Abstand häl. Es ist eine Distanz, die leicht in Gleichgültigkeit umschlägt. Der Film ist ein Experiment mit explosivem Gemisch im Reagenzglas, doch der Busenbrenner ist auf Sparflamme eingestellt. Deswegen ist „Wolfzeit“ zwar besser als vieles andere ― aber letztlich schwächer als das meiste, was wir von Michael Haneke kennen.