Julian
Hanich


Texte zum Kino

“Zodiac” (2007) von David Fincher

Es ist gegen Mitternacht am 4. Juli des Jahres 1969, als auf einem entlegenen Parkplatz im Norden Kaliforniens ein junges Paar seinen Wagen zum Stehen bringt. Die beiden wollen ungestört bleiben, aber bald schon hält ein zweites Fahrzeug neben ihnen. Niemand steigt aus, nichts tut sich. Die Situation wird unheimlich. Als das Auto wieder verschwindet, atmen die beiden auf. Doch Minuten später kehrt der Wagen zurück. Er fährt von hinten auf, blendet per Fernlicht. Dann steigt ein Unbekannter aus, kommt Schritt für Schritt näher, zieht seine Pistole. Und schießt. Das Mündungsfeuer zuckt durch die Nacht. Blut besudelt das Armaturenbrett. Ein Mensch ist tot. Ein weiterer krümmt sich schwer verletzt.

Das könnte der Anfang eines David-Fincher-Films sein. Und tatsächlich: Der Vorspann schreibt die Regie eindeutig jenem Mann zu, der einst auszog, uns das Fürchten zu lehren. Andererseits kommt alles Nachfolgende so unerwartet, dass man diese Anfangsszene beinahe als falsche Fährte bezeichnen könnte. Oder besser: als Akt der Befreiung. Hier zeigt ein Meister des stilsicher-düsteren Suspense noch einmal, was ihn berühmt gemacht hat – um es dann mit Aplomb von sich zu stoßen. Als wollte er Hoffnungen auf eine Fortsetzung seines genialischen Thrillers „Seven“ nähren, läutete Fincher vorab die Pawlowsche Klingel mit dem Hinweis, er verfilme wieder eine Serienkiller-Geschichte. Doch der Reaktion auf den Reiz wird die Belohnung versagt: „Zodiac“ unterdrückt beinahe jeden Genuss von Emotion und Sensation, von Angstlust und suggestiver Gewalt. Anders als bei „Seven“, „The Game“ oder „Panic Room“ kauert der Zuschauer nicht starr im Kinosessel. Im Gegenteil: Die 158 Minuten Spieldauer belassen ihm ausreichend überschüssige Energie, um auf seinem Sitzfleisch die verzweigte Geographie der Stuhlbepolsterung zu ergründen.

Fincher konvertiert mit diesem Film zum nüchternen Jäger und Sammler von Fakten. Es geht um die minutiöse Rekonstruktion eines Falles, der den Großraum von San Francisco Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre in Atem hielt. Der selbst ernannte Zodiac-Killer hatte damals eine bis heute ungeklärte Zahl von Menschen ermordet und dabei die Polizei mit kryptischen Botschaften an die Presse genarrt. Seitdem gehört er zur populären Serienmörder-Mythologie wie Ted Bundy, Ed Gein oder Jeffrey Dahmer. Anders als seine berüchtigten Kollegen wurde er jedoch nie gefasst – womit die Imagination und Obsession all jener auf den Plan gerufen ist, deren Sinn für Kohärenz ein Ende für jede offene Erzählung finden muss. Genau darum geht es Fincher: die Manie, mit welcher ein Abschluss gesucht wird; die Akribie, mit der Ordnung wiederhergestellt werden soll. Deshalb stellt er die investigativen Abläufe in den Mittelpunkt und nicht die Verbrechen. Die Männer der Reaktion und nicht der Aktion bestimmen das Geschehen: Inspector David Toschi (Mark Ruffalo), der „San Francisco Chronicle“-Reporter Paul Avery (Robert Downey Jr.) und Robert Graysmith (Jake Gyllenhaal), ein Karikaturist, auf dessen Sachbüchern der Film beruht. „Zodiac“ ist Finchers filmische Antwort auf das literarische Genre des „True Crime“, das in den USA ganze Regalreihen im Buchladen füllt: von den Niederungen der faktenreichen Kolportage bis hinauf in die ästhetischen Höhen von Truman Capotes „In Cold Blood“.

Im Gegensatz zum Gefühl der Angst lassen sich Obsessionen nur schwer übertragen. Der Zuschauer kann sie von außen betrachten, im besten Fall sogar verstehen. Fühlen wird er sie nicht. Deshalb gleicht der Film über lange Strecken einem Blick ins Terrarium. Dort tut sich zweifellos eine faszinierende Welt auf, brillant eingefangen von Harris Savides’ High-Definition-Digitalkameras und in Szene gesetzt von hochbegabten Setdesignern. Leute, die es wissen müssen, behaupten, der Film sei geradezu unheimlich in seiner detailgenauen Wiederbelebung des San Franciscos jener Zeit. Doch für sein distanziertes Faktenstudium – in seiner Gründlichkeit seinen Figuren sehr nahe – zahlt Fincher einen Preis. Zwar hat auch Hitchcock gelegentlich versucht, mit kalter, formbewusster Hand die Anatomie des Verbrechens auseinander zunehmen. Doch was ist „Cocktail für eine Leiche“ neben „Psycho“? Genau für diese Zurückhaltung wurde „Zodiac“ in den USA mit Jubelstürmen gefeiert. Die Kritiker bezeichneten den Film als Finchers bisher subtilsten und reifsten – was durchblicken lässt, dass alles Vorangegangene eher plump und kindisch war. Was sich darin ausdrückt, ist indes nicht mehr als gespreizte, leibfeindliche Kunstbetrachtung: ästhetische Distanz statt emotionaler Verschmelzung, zerebrale Mäßigung statt fiebrigem Exzess.

Einmal lässt Fincher die berühmte Pyramide des Transamerica-Gebäudes im Zeitraffer in die Höhe schießen: Während die Jahre vorbeirasen und der Zeitgeist sich in immer neue Laken hüllt, kommt die Suche nach dem Serienkiller-Phantom nicht voran. Ganz anders der Verfall seiner Protagonisten: der Inspektor, der Reporter und der Karikaturist – alle drei geraten sie in die Fänge ihrer Obsession, die sie langsam aber sicher in den Abgrund der Unproduktivität zieht. Ein Jammer, wenn es mit dem frisch bekehrten Faktensammler David Fincher auch soweit käme.