Julian
Hanich


Texte zum Kino

„Mammoth“ von Lukas Moodysson (2009)

Ach, wie wurde dieser Film verachtet! Als Lukas Moodyssons „Mammut“ im vergangenen Jahr bei der Berlinale Premiere hatte, reagierten die Kritiker aufgebracht. Nach der Pressevorführung schallten die Buhs durch den Saal. Worte wie „Schnulze“ (Die Welt), „Betroffenheitskino“ (Tagesspiegel), „Sozialschmonzette“ (Frankfurter Rundschau)“ oder „Pseudo-Polit-Kitsch“ (Berliner Zeitung) dominierten anderntags die Besprechungen. Das Gemetzel war nicht schön mit anzusehen. Nun weiß man ja: Ein aufgeregtes Festival wie die Berlinale entwickelt gerne seine eigene Erwartungsdramaturgie. Wenn ein Regisseur dann auch noch Globalisierungsfragen mit den Mitteln des Melodrams angeht, kann das auf dem politischsten aller Festivals zu heftigen Ausschlägen auf der Empörungsskala führen. Und keine Frage: Auch die enttäuschte Bewunderung für die vormalige Regiehoffnung Moodysson mag ihren Anteil beigetragen haben. Mit Filmen wie „Raus aus Amal“ (1998), „Zusammen“ (2000) oder „Lilya 4-Ever“ (2002) hatte der mittlerweile 41-jährige Schwede die Messlatte einst sehr hoch gehängt, diese aber zuletzt regelmäßig gerissen.

 Wem durch dieses Hintergrundwissen jegliche Erwartung geraubt wurde, darf sich nun erstaunt die Augen reiben: Dieser Film ist gar nicht so schlecht. Man sollte ihn schlicht unter den Vorzeichen seines Genres betrachten. Das Melodram entstand um die Zeit der französischen Revolution herum als Bühnengattung, dem in einer säkularisierten Gesellschaft eine klare Funktion zukam. Es sollte durch Schwarzweißmalerei für jene moralisch eindeutigen Botschaften sorgen, die zuvor durch Glaube und Kirche vermittelt worden waren. Tränenreiche Ergriffenheit und Sympathie mit den Leidenden waren dabei Teil des Programms. Das Melodram hat diese Aufgaben bis heute nicht verloren. Es ist ein populäres Genre – ein Genre für die Massen.

Deshalb liegt es auf der Hand, dass der Film plakativ daherkommt. Er nimmt sich die Ungerechtigkeiten der globalisierten Moderne und reduziert sie auf Aussagen von brutalstmöglicher Eindeutigkeit. Da wäre zum Beispiel die Klage über den Zerfall der Familien. Leo (Gael Garcia Bernal) jettet als Computerspiel-Designer durch die Welt. Seine Frau Ellen (Michelle Williams) schuftet in einem New Yorker Krankenhaus Nachtschichten als Unfall-Chirurgin ab. Die achtjährige Tochter Jackie (Sophie Nyweide) wird deshalb von der philippinischen Nanny Gloria (Marife Necesito) erzogen. Diese wiederum hat ihre beiden Söhne in der Heimat zurückgelassen. Sie will ihnen ein besseres Leben ermöglichen, vernachlässigt dadurch aber deren Sehnsucht nach mütterlicher Nähe. Der Lebensstil des wohlhabenden Westens zerstört also nicht nur die Bindungen zu den eigenen Kindern – er zieht auch die ärmeren Weltregionen mit hinein. Und dazu ertönt dann auf dem Soundtrack eine Boney-M.-Version von „Motherless Child“…

Mit stark kontrastierenden Montagen stellt Moodysson die beiden Welten gegenüber. Immer wieder sieht man die New Yorker Ärztin ihren prallgefüllten Kühlschrank öffnen, nur um sich dann zu allem Überfluss eine Pizza zu bestellen. In Asien durchwühlen die Kinder stattdessen die Müllberge. Klarer geht es kaum. Aber bloß weil die Botschaften eindeutig daherkommen, sind sie nicht automatisch falsch. Manchmal entwickelt Moodysson sogar einen erhellenden Sarkasmus: Als die philippinische Kinderfrau in New York einen Basketball für ihre auf den Philippinen zurückgebliebenen Söhne kauft, ist auf dem Ball zu lesen: „Made in the Philippines“. Muss man erst unter persönlichen Opfern in den Westen aufbrechen, um sich leisten zu können, was in der Heimat hergestellt wird?

„Mammut“ ist kein großer Film. Angesichts von Moodyssons Talent darf man seinen Ausflug ins amerikanische Melodram sogar bedauern. Dennoch: Mit seinen überzeugenden Schauspielern gelingen ihm immer wieder bewegende Momente der Rührung und der Traurigkeit. Und das, liebe Berlinale-Kollegen, ist nicht zu verachten.